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10.01.2017
mn

Wie geht Zukunftslandwirtschaft?

Der Umbau von Tierhaltung und Ackerbau in eine gesellschaftlich akzeptierte Landwirtschaft muss ohne weiteren Strukturwandel erfolgen

Schon lange hat der Strukturwandel große Lücken in die dörflichen Strukturen geschlagen. 70 Prozent der Betriebe haben in den vergangenen 30 Jahren aufgehört. Das Land wird von den verbleibenden Betrieben bewirtschaftet. Und mit diesem Wandel haben sich auch die Bauern verändert. „Die Landwirte sind zu Unternehmern geworden. Sie wissen, was sie tun, wollen Geld verdienen, streben nach Kostenführerschaft“, kommentiert der ehemalige Bundesvorsitzende der AbL Karl-Friedrich Osenberg die Entwicklungen.

Rationalisierung und Wachstum

Mit dem Rückgang der Betriebe hat sich auch die Bedeutung der Landwirtschaft innerhalb der Gesellschaft verschoben. Anders als in der Stadt, in der die Bauern nie im Alltag präsent waren, hat sich ihre Wahrnehmung auch auf den Dörfern stark gewandelt. Im Alltag von immer weniger Menschen spielt die Landwirtschaft eine Rolle. Gleichzeitig werden die Betriebe und die Maschinen immer größer, werden nicht selten als bedrohlich wahrgenommen und haben das Potenzial zum Feindbild. Nur wenige Betriebe haben sich dem Wachsen oder Weichen entziehen können. Doch trotz großer Strukturen und rationalisierter Abläufe ist die Einkommenssituation noch immer schwierig. „Warum immer größer, obwohl es den Betrieben und den Menschen damit schlecht geht?“, wundert sich Elisabeth Freesen aus der jungen AbL und im AbL-Bundesvorstand.

Der Bauer als Unternehmer sollte die Kostenführerschaft anstreben. Gesellschaftliche Belange rückten dabei schnell in den Hintergrund. Greifvögel wie der Rote Milan waren vom Aussterben bedroht, weil DDT die Schalen ihrer Eier zu dünn werden ließ, Grundwasserbrunnen mit Atrazin belastet. Flurbereinigungen ordneten die Landschaft neu und schafften großräumige Strukturen. Aktuell ist es Glyphosat auf dem Acker oder Nitrat im Grundwasser, das aufwendig von Wasserwerken auf Kosten der Allgemeinheit aufbereitet werden muss.

Wer allerdings alleine den Bäuerinnen und Bauern, den Landwirten und Agraringenieuren die Schuld an den Entwicklungen geben will, macht es sich zu einfach, denn sie haben genau dasselbe gemacht, was alle großen Unternehmen taten und tun: sich um Kostenführerschaft zu bemühen und Einsparungspotenziale zu Lasten der Umwelt, der Tiere und vielleicht sogar der eignen Gesundheit billigend in Kauf zu nehmen. Allerdings mit dem Unterschied, dass ihre Kosteneinsparungen mit immer niedrigeren Erzeugerpreisen einhergingen.

Die Entwicklungen führten immer weiter in die Spezialisierung. Immer weiter voranschreitende Rationalisierung, geteilte Produktionsverfahren in der Schweinehaltung, hochspezialisierte Ackerbau- und Milchviehbetriebe. Mit der Lohnmast beim Geflügel und inzwischen auch immer mehr im Schweinebereich ging neben der Vielfältigkeit der Betriebe auch deren Eigenständigkeit verloren.

Durchwachsenes Resümee

„Gegen die fortschreitende Industrialisierung hat die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft immer gekämpft“, so Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, ehemaliger Bundesvorsitzender der AbL und Europaabgeordneter und gesteht ein, dass es nicht gelungen ist, diese Entwicklung aufzuhalten. Exemplarisch schildert Günther Völker, Schweinehalter in Rheda-Wiedenbrück, die Entwicklungen auf seinem Betrieb, der immer gewachsen sei: auf inzwischen 300 Sauen, 1.000 Mastplätze und deutlich über 100 ha. „Aber ganz ohne die oftmals übliche Verdrängung der Nachbarn.“ Nicht selten liefen Betriebe aus, weil die Hofnachfolge ungeklärt war. Auch dies sind nicht unproblematische Entwicklungen für den Erhalt einer vielfältigen Landwirtschaft. „Selbst wenn wir den Raum für bäuerliche Landwirtschaft schaffen“, so Phillip Brändle aus dem AbL-Bundesvorstand, „ brauchen wir Menschen, die die Höfe fortführen.“

Umbruch – Weiterentwicklung

Gesellschaften entwickeln sich. Wirtschaftsbeziehungen, Absatzmärkte, ökonomische und gesellschaftliche Anforderungen sind einem ständigen Wandel unterzogen. Davon ist auch die Landwirtschaft nicht ausgeschlossen. Bei allem Bemühen um Kostenführerschaft, Effizienzsteigerung und Optimierung ist es nicht gelungen, eine für die Betriebe auskömmliche Einkommenssituation zu erreichen. Und das, obwohl man nicht nur in den Intensivregionen ein massives Gülle-Entsorgungsproblem hat, derzeit Nitrat im Grundwasser thematisiert wird, während die niederländischen Nachbarn schon über eine Phosphatquote debattieren. Gleichzeitig wird der gesellschaftliche Dissens zwischen Produktionsrealität auf den Betrieben und Produktionswunsch der Verbraucher immer deutlicher sichtbar.

Es wird zu Veränderungen kommen. Das zeigen die aktuellen Aktivitäten von Politik, Wissenschaft und selbst der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) veröffentlicht eine „Offensive Nachhaltigkeit“, in der er den Umbau fordert. Gefordert wird ein Umsteuern auch von einer breiten gesellschaftlichen Bewegung, die alarmiert durch immer neue Skandale und Bilder aus industriellen Tierhaltungen einen anderen Umgang mit Tier und Natur fordert: Stroh statt Spalten, mehr Platz pro Tier, einen Rückbau der Ställe in den Intensivregionen, aber auch ein grundlegender Umbau der derzeit etablierten Haltungssysteme beim Schwein sind nur einige der Forderungen. „Wir haben in den vergangenen 30 Jahren immer wieder umgebaut, die Systeme verändert“, gibt Günther Völker zu bedenken. Immer wieder hätten sich die Anforderungen verändert, „jetzt müssen wir die Bauern abholen“. Ganz ähnlich argumentiert auch Ulrich Jasper: „Die strohlose Schweinehaltung“, so der Bundesgeschäftsführer der AbL, „ ist ein Treiber der Rationalisierung gewesen.“ Dieser Antrieb scheine an Kraft verloren zu haben, so Jasper und warnt: „Der Umbau der Schweinehaltung, Klimazonen, keine Gülle, Strohhaltung, darf nicht zu einem erneuten Verlust von Betrieben führen.“

Alle beteiligen

Dass auch die Gesellschaft bei diesen Entwicklungen beteiligt werden müsste, spricht Karl Friedrich Osenberg an und fragt: „Wie sehen die Ställe aus, die den gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprechen?“ Es geht um den Platz der Landwirtschaft, den Platz der Bäuerinnen und Bauern in der Gesellschaft. „Wie soll Landwirtschaft aussehen?“, fragt Hugo Gödde und wirft damit eine agrarkulturelle Frage auf. Welche Aufgaben hat Landwirtschaft? Sind Bauern nur Produzenten oder kommt ihnen auch in einer arbeitsteiligen Gesellschaft eine tragende Rolle bei der Ernährungssouveränität einer Region oder eines Landes zu? Neben dem Selbstverständnis der Bäuerinnen und Bauern geht es eben auch um das der Gesellschaft, die erkennen muss, dass auch sie mitverantwortlich ist. Dass Forderungen nach einem Umbau, einer Umstrukturierung auch ihren finanziellen Beitrag benötigen, damit der Erhalt und das Einkommen der Betriebe gesichert sind. Es wird darum gehen, sich nicht hinter einem „Wir wissen, wie es geht“ zu verschanzen, sondern eine offene Diskussion zu bestreiten, Geduld zu bewahren, um Entwicklungen anzuschieben und die Betriebe in die Lage zu versetzen, dies auch umsetzen zu können. Neben der ökonomischen Betrachtung muss auch dem individuellen Umdenken Raum gelassen werden. Das geschieht nicht von selbst. „Wir müssen die vorhandenen Möglichkeiten zeigen und bestehende Erfahrungen nutzen“, appelliert Graefe zu Baringdorf. „Da sind die Bäuerinnen und Bauern des Markenfleischprogramms Neuland oder des Premium-Tierschutzlabels ebenso Anlaufpunkte wie Betriebe, die aus dem konventionellen Vollspaltensystem heraus PigPort-Ställe gebaut haben oder bauliche Konzepte zum Gruppenabferkeln für Sauen ausprobieren.“

Es bedarf auch weiterhin des gesellschaftlichen Drucks, der auch bei der Demo „Wir haben es satt!“ im Januar wieder sichtbar werden wird. „Wir haben in den vergangenen Jahren ins Detail gehende Konzepte und Ideen entwickelt“, so Phillip Brändle, der Mitorganisator bei WHES ist. „Diese Bewegung richtet sich nicht gegen die Landwirtschaft, sondern hat den Anspruch, gemeinsame Schritte zu formulieren.“ Hierfür braucht es engagierte Menschen, die über die Verbandsgrenzen hinweg gemeinsame Ziele für eine Zukunftslandwirtschaft erarbeiten. „Wir müssen den Umbau konkret werden lassen!“, fordert Ulrich Jasper. „Wir müssen den Menschen den Wert einer vielfältigen, bäuerlichen Landwirtschaft vermitteln!“