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23.10.2016
cs

Tiere und Bauern nicht überfordern

Artgerechte Tierhaltung geht nur, wenn alle Beteiligten bereit sind, sich zu bewegen

Das Tier in den Mittelpunkt zu stellen, scheint eine ebenso simple wie visionäre, aber auch kontroverse Leitlinie für die Nutztierhaltung der Zukunft. Auf einer Veranstaltung der Stiftung Ökologie und Landbau im Landwirtschaftlichen Bildungszentrum der Landwirtschaftskammer in Niedersachsen zum Thema artgerechte Milchviehhaltung wurde mehr als einmal der Wunsch der teilnehmenden Bauern, Berufschullehrer und Berater deutlich, eine neue Perspektive auf die Tiere wählen zu können. Nicht länger jenes durch Beratung und Wissenschaft entwickelte Leitbild des landwirtschaftlichen Unternehmers, der im Wesentlichen mit ökonomisch bewertbaren Produktionsfaktoren hantiert, leben und vermitteln zu müssen. Es gehe in ihrem Alltag als Berufschullehrerin vielfach schlicht darum, den jungen Leuten zu vermitteln, dass sie mit Lebewesen arbeiten, so eine Teilnehmerin. Fast war Erleichterung darüber zu spüren, dass genau dies zentraler Aspekt des Seminars war. Zwar muss man sicherlich anerkennen, dass Milchkühe in der Betrachtung nie so sehr zu reinen Produktionsfaktoren geworden sind wie Schweine oder Geflügel. Dass Tierwohl allerdings auch ökonomische Vorteile bringt, wird eher an Kühen deutlich, die letztlich über einen längeren Zeitraum als „Nutztiere“ auf den Höfen leben. Darauf zielte vieles ab, was Referent Andreas Pelzer von der Landwirtschaftskammer NRW vermittelte. Er thematisierte den eben auch ökonomischen Wahnsinn, dass die meisten Milchkühe bereits in der ersten Laktation schon wieder geschlachtet werden. Was sei das für eine Wertigkeit, die man dem Tier beimesse, wenn man eine Färse, die man 29 Monate aufgezogen habe, schon nach 30 Tagen als Milchkuh wieder merze? Es werde oft über einen dreimal abgeschriebenen Spaltenboden mehr diskutiert als über den Wert einer Färse, so Pelzer. Natürlich sei Tierwohl immer nur ein – auch ökonomischer – Kompromiss, aber mit der Anpassungsleistung, die den Tieren durch die Stallsysteme abverlangt würde, dürften diese nicht überfordert werden. „Vielleicht hat der Boxenlaufstall seine Zeit schon gehabt“, orakelte Pelzer und scheuchte die Seminarteilnehmer vor die Tür. Rückwärts sollten sie die Trittstufe am Eingang runtergehen und sich dann noch vorstellen, dass von hinten einer boxe. Jeder normale Mensch und jede normale Kuh würden nach vorne weglaufen, was im Boxenlaufstall nicht geht. Ist das schon Überforderung?

Schweineleben

Wo bei den Milchkühen im Boxenlaufstall noch ein Fragezeichen und ein individuell unterschiedliches tierisches Anpassungsvermögen steht, ist im Falle der jüngst veröffentlichen Bilder aus Verbandsfunktionärsställen ein Ausrufezeichen zu setzen. In den Filmen der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch (ARIWA) kann man sehen, was passiert, wenn das Anpassungsvermögen der Tiere überfordert wird. Schon die Ställe als solche sind ein Armutszeugnis, da arm an Merkmalen einer artgerechten Tierhaltung. Fast noch mehr ist es die Reaktion des in die Offensive gehenden Schweinehalters, CDU-Bundestagsabgeordneten und Veredlungspräsidenten des Bauernverbandes Johannes Röring. Dass der oberste Fachmann für Schweinehaltung im Bauernverband seine Tierhaltung nicht auch nur einen Fingerbreit über den gesetzlichen Mindestanforderungen ausstaffiert, unterstreicht, was er von den nicht erst seit gestern debattierten und inzwischen auch schon von konservativen Institutionen wie dem Wissenschaftlichen Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums wahrgenommenen gesellschaftlichen Ansprüchen an mehr Tierwohl hält. Und es sagt auch etwas darüber aus, inwieweit er es in seiner Funktion als politischer Mandatsträger wohl für nötig hält, am ordnungsrechtlichen Status quo irgendetwas zu verändern. Dass er die Verletzungen und Krankheitssymptome an seinen nachts illegal gefilmten Schweinen gemeinsam mit seinem Tierarzt lediglich als Einzelereignisse wegargumentiert, passt zum nicht vorhandenen Problembewusstsein. Egal ist, ob man angefressene Darmvorfälle, wie man sie in Rörings Stall sieht, aufgrund ihres Vorkommens als Symptom einer systematischen Überforderung des tierischen Anpassungsvermögens an ein mangelhaftes Haltungssystem verurteilt oder weil gesellschaftliche Ansprüche an eine moderne Tierhaltung so etwas nicht tolerieren. Sicher ist, es gibt einen gesellschaftlichen Konsens, es zu verurteilen.

Klarheit schaffen!

Professionalisierung bringe automatisch mehr Tierwohl, sagt Rörings Verbandskollege, der Schleswig-Holsteiner Werner Schwarz, der doch eigentlich ein gebranntes Kind sein müsste, weil er schon vor Jahren mit der Webcam in seinem hoch professionalisierten Sauenstall einen Shitstorm auslöste. Schon ohne verletzte Tiere stieß die Art seiner Tierhaltung nicht auf Verbraucherakzeptanz. Es wird Zeit, dass die Politik der Gesellschaft hinterher eilt und einen Rahmen entwirft, der Nutztierhaltung wieder gesellschaftsfähig macht. Es gilt das Tier in den Mittelpunkt zu stellen und es in seinen Anpassungsfähigkeiten nicht zu überfordern, es gilt aber auch die Bauern und Bäuerinnen in den Mittelpunkt zu stellen und sie nicht zu überfordern. Das fängt in der Berufschule an und endet mit einem langfristigen politisch vorgegebenen Umbauszenario. Solange die Rörings dieser Welt glauben, mit ihrer Tierhaltung sei alles in Ordnung, sie sei sogar die einzige auf den Weltmärkten konkurrenzfähige, und an dieser Haltung auch politisch festhalten, verunsichern gegenteilige gesellschaftliche Debatten auch veränderungswillige Bauern und Bäuerinnen und lassen sie allein. Wirklich fortschrittlich ist eine politische Interessenvertretung, die die gesellschaftlichen Ansprüche mit den bäuerlichen zusammenbringt und daraus ein gemeinsames Zukunftsszenario für eine Nutztierhaltung entwirft, die bäuerliche Anstrengungen für mehr Tierwohl auch finanziell honoriert und die tierischen Anstrengungen in Haltungssystemen nur so groß macht, dass die Gesellschaft es den Bauern und Bäuerinnen noch abnimmt, dass sie ihre Tiere wirklich gut behandeln wollen.