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15.04.2011
mh

Mehr Macht für Milcherzeuger

Über Erzeugergemeinschaften und Biomilcherzeugung. Auf der diesjährigen Milchtagung der AbL wurde viel diskutiert und informiert

Der Raum war voll, die gesponserten Kakao- und Vanillemilchgetränke schon nach kurzer Zeit geleert. Viele Milchbäuerinnen, -bauern und Milchinteressierte waren zur diesjährigen Milchtagung nach Nordrhein-Westfalen gekommen, um sich unter dem Motto „Milcherzeuger (ver-)handeln selbst“ auszutauschen und zu informieren. Geladene Referenten berichteten über Erzeugergemeinschaften, Politik-Vorschläge und Praxiserfahrungen.

Der Vormittag war der Frage gewidmet, wie Milcherzeuger mit den Molkereien über ihren Milchpreis verhandeln können – bevor sie ihre Milch abliefern. Hierzu erzählte Arnold Weßling über seine Arbeit als Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft Gütersloh. Es sei wichtig, in schlechten Zeiten nur kurzfristige Verträge mit den Molkereien abzuschließen. Von einfachen „Handschlagsverträgen“ ohne Verbindlichkeiten rät Weßling ab. Um tatsächlich verhandeln zu können, brauche eine Erzeugergemeinschaft immer mehrere Absatzmöglichkeiten. „Für eine gute Verhandlungsbasis brauchen sie eine Alternative“, sagt Weßling. Er fordert die Milcherzeuger auf, unternehmerisch zu sein und sich in Erzeugergemeinschaften zusammen zu schließen.


Kündigen für bessere Preise

Ebenfalls aus der Praxis berichtete Johannes Berger, der Vorsitzende der Bio-Milcherzeugergemeinschaft Nord. Nachdem die Molkerei Söbbeke über längere Zeit Milchpreise unter dem Durchschnitt gezahlt habe und ein Warnstreik ergebnislos blieb, hat die Liefergemeinschaft, die etwa 40 Prozent der Söbbekemilch liefert, dieser Molkerei im letzten Herbst gekündigt. Bis zum Herbst 2011 läuft die Kündigungsfrist, in der die Erzeugergemeinschaft mit der Molkerei einen besseren Milchpreis aushandeln will. „Die Chancen einer Einigung für einen nicht unterdurchschnittlichen Milchpreis sind nicht schlecht. Es gibt jedoch auch einen Plan B“, so Berger. Er hofft, dass die Lieferanten bis zum Herbst in der Erzeugergemeinschaft bleiben.

Wie die Europäische Kommission die Verhandlungsmacht der Milcherzeuger stärken will, erklärte ihr Direktor Hermanus Versteijlen. Das sogenannte „Milchpaket“ der EU soll den Milcherzeugern während des Auslaufens der Quote bis zum Jahr 2015 eine „sanfte Landung“ bescheren. Das Paket beinhaltet unter anderem das Recht der EU-Milcherzeuger, sich grenzüberschreitend und sogar EU-weit in Erzeugergemeinschaften zusammenzuschließen. Allerdings nur bis maximal 33 Prozent der nationalen Milchproduktion und 3,5 Prozent der EU-weiten Milchmenge erreicht sind. Desweiteren rät Versteijlen, dass die Molkereien nicht mehr unabhängig von der Marktlage alle Milch der Erzeuger aufnehmen sollen. Zukünftig sollen in den Verträgen der Molkereien Preis und Liefermenge festgelegt werden. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, glaubt der EU-Direktor.


Lächerliche Gesetze

Das sehen viele Milchbäuerinnen und -bauern anders. Bei einer anschließenden Diskussion zeigten sich einige der Anwesenden verärgert über die Vorschläge der EU-Kommission. So auch Romuald Schaber, Vorsitzender des Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) und des European Milk Board (EMB). Für den Milchbauern gehen die Einschätzungen, die dem Milchpaket offenbar zugrunde liegen, an der Realität vorbei. „Durch die Vorschläge wird sich in der Praxis nichts ändern“, so Schaber. Er begründet dies unter anderem mit den viel zu niedrig gesetzten Grenzen für Zusammenschlüsse in Erzeugergemeinschaften. Schaber fordert ein Anheben der europäischen Grenze von 3,5 auf 30 Prozent. Das größte Problem sieht er darin, dass die Genossenschaften von den Gesetzesvorhaben ausgenommen sind, obwohl diese 58 Prozent der EU-Milch verarbeiteten. Der BDM prüft derzeit, über ein EU-weites Volksbegehren vernünftige Veränderungen auf dem Milchmarkt herbeizuführen.

Für seine Rede erhielt Schaber viel Zustimmung im Raum. Ebenso Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Vorsitzender der AbL. Er bezeichnet die Bündelungsschwelle von 3,5 Prozent als lächerlich und verurteilt ebenso, dass die Grenzen für Genossenschaftsmolkereien nicht gelten sollen. Genossenschaften könnten somit ungehindert zu Milchriesen fusionieren und die Preise am Markt diktieren. Trotzdem sieht Graefe zu Baringdorf im EU-Vorschlag eine Möglichkeit für die Milcherzeuger, sich in einigen EU-Staaten erstmals überhaupt bündeln zu dürfen. Er prophezeit, dass die Milch nach Auslaufen der Quote knapp werden wird, und fordert daher alle Milcherzeuger auf, bei der Milch zu bleiben und sich in Erzeugergemeinschaften zu bündeln. „Wir müssen der Politik Macht entgegensetzen. Sie wird es nicht für uns regeln“, so der AbL-Vorsitzende.


Viel Erfolg mit wenig Input

Auch die Themen des Nachmittags stießen bei den Praktikern auf großes Interesse. Jürgen Sprenger vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen stellte eine Studie über die Wirtschaftlichkeit der Biomilcherzeugung vor. Anhand von Vollkostenrechnungen bei bundesweit 53 Betrieben kam er zu dem Ergebnis, dass in vier untersuchten Jahren (2005 bis 2009) die Betriebe im Schnitt immer Verluste pro Arbeitsstunde machten (bei 12,50 bzw. 15 Euro Lohnansatz). Nur in einem Jahr (2007/08), in dem der durchschnittliche Milchpreis sehr hoch lag, konnten die durchschnittlichen Vollkosten durch die Einnahmen fast voll gedeckt werden. Sprenger erläuterte diesbezüglich Möglichkeiten, die individuelle Situation auf einem Betrieb zu verbessern.

Über die Klimaschädlichkeit von Kühen referierte die Tierärztin und Buchautorin Anita Idel. Sie widerspricht der häufig vorgebrachten Behauptung, dass Kühe ein Hauptverursacher des Klimawandels seien. Die mit der Düngung verbundenen negativen Klimawirkungen seien viel größer. Außerdem lasse sich Grünland, das weltweit 40 Prozent der Nutzfläche ausmache, nur über Wiederkäuer nutzen. Es komme darauf an, dieses Grünland nachhaltig zu nutzen, um die große Bedeutung des Dauergrünlandes als Kohlenstoffspeicher zu bewahren.

Das hat der Milchviehhalter Bernd Vollmer erfolgreich in die Praxis umgesetzt. Die Milchkühe des Biolandbauern aus dem Kreis Gütersloh haben eine stolze Nutzungsdauer von durchschnittlich acht Jahren bei sehr geringer Kraftfuttermenge und viel Weidegang. Vollmer betreibt gemeinsam mit seinen Eltern einen 35 Hektar-Betrieb mit 24 Holstein-Frisien, Nachzucht und Direktvermarktung ab Hof. „Unsere Kühe bekommen nur 1,5 Kilogramm Kraftfutter pro Tag bei einer Milchleistung von fast 7.000 Liter pro Kuh“, berichtet Vollmer. Die Familie legt Wert auf eine lange Abkalbungszeit, wenig Medikamente und viel Aufmerksamkeit für das einzelne Tier, erzählt der Milchbauer. Bei der Zucht mit Augenmerk auf Lebensleistung habe der Betrieb bisher viel Erfolg gehabt.