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28.06.2016
Gabi Geppert, Rhauderfehn

Gedanken zur Milchkrise

Gabi Geppert

Eine Milchbäuerin schildert ihre Gedanken zum Ende Ihres Hofes und woraus sie dennoch noch Hoffnung schöpfen kann

Ich bin Bäuerin. Bin ich wirklich Bäuerin? Wie fühle ich mich eigentlich? Es gab Zeiten, da fühlte ich mich wirklich so. Als Teil der Jahreszeiten, als Teil des Jahreskreises der Saat, des Wachsens und Reifens, der Ernte, des Winters mit seiner Andersartigkeit der Arbeit, des Verlagerns von Außen nach Innen. Als Teil des Geborenwerdens, des Wachsens und des Sterbens im Stall. Ein selbstverständlicher Teil dieser realen Welt in der Landwirtschaft, mit der immer weniger Menschen zu tun haben.

Gottes Verheißung gegenüber Noah, dass „niemals Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht aufhören wird“ (1. Mose 8,22) war mir bisher jedes Jahr gegenwärtig. Erfüllte mich mit Hoffnung und Freude. Denn immer wieder gab und gibt es Zeiten, wo es zu wenig Regen gibt, zu viel, es im Frühjahr zu kalt ist, im Verlauf des Jahres zu trocken oder zu heiß. Die Erfüllung dieser Zusage immer wieder zu erleben ist schön.

War schön. Im Moment ist die Arbeit nur eine Qual. Aussaat und Wachsen, das Geborenwerden von Kälbern, die Melkarbeit, die ich oft als erholsam erlebte, ist nun ein Erleben, das nur so vorbeizieht, mit wenig Emotionen.

Bauern mit Geschichte

Mein Mann und ich werden die letzten in unseren Familien sein, die Bauern waren und sind. Ich weiß nicht, wie viele Generationen aus unseren Familien wirklich von und mit der Landwirtschaft gelebt haben. Wir werden diese Tradition beenden. Werden die Stalltüren schließen und das Land nicht mehr selber bebauen und abernten. Wir werden unserem Sohn, der mit 15 noch sehr jung ist, die Frage „Landwirtschaft oder nicht?“ abnehmen. Könnten wir ihm etwa mit ruhigem Gewissen in der heutigen Zeit dazu raten, den Hof zu übernehmen?

Seit 1712 waren die Vorfahren meines Mannes in Schlesien Bauern. Mein Mann ist der siebte Bauer in dieser Familie. Nach dem Krieg wurden seine Eltern aus Schlesien vertrieben und bekamen 1957 den Hof in Ostfriesland, auf dem wir leben. Endlich wieder auf eigener Scholle Landwirtschaft betreiben. 1957 haben meine eigenen Eltern geheiratet. Auch beide aus der Landwirtschaft stammend, übernahmen sie den elterlichen Betrieb meines Vaters. 1960 wurden sie schon in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) gezwungen. Dabei hatten sie doch gerade erst begonnen, waren voller Tatendrang. Eine emotionale Zeit. Viel haben sie darüber nicht erzählt. Als ich vor einigen Jahren die Geschichte meiner Mutter aufschrieb, habe ich eine Ahnung davon bekommen.

Kapitulationsstimmung

Nun werden wir in die Knie gezwungen: von der Überproduktion an Milch seit dem Wegfall der Quote und der Unfähigkeit der Politik und des Bauernverbandes eine Lösung des Problems herbeizuführen beziehungsweise „das Kind beim Namen zu nennen“. Das Zuviel an Milch europaweit und der damit verbundene Preisverfall auf teilweise unter 20 Cent pro Liter Milch setzt ein massives Höfesterben in Gang. Und leider auch ein echtes Bauernsterben, nämlich von Bauern, die ihrem Leben selbst ein Ende setzen, weil sie mit der gegenwärtigen Situation nicht klarkommen. Vor 14 Tagen hörte ich es im ZDF, zwei Tage später las ich einen Bericht darüber in der „Unabhängigen Bauernstimme“. Und mir blutet das Herz und die Tränen fließen wegen der Verzweiflung, die auf den Höfen herrscht.

Kapitulationsstimmung. Dabei herrschte doch Enthusiasmus. „Mit dem Wegfall der Quote könnt ihr endlich produzieren, was ihr wollt!“ Es wurde gebaut, was das Zeug hielt. Ställe schossen aus dem Boden und die Kuhzahl wurde aufgestockt. Alles war auf den 1. April 2015 ausgerichtet.

Absturz mit Ansage

Sah das wirklich keiner – wollte das niemand sehen, dass das nicht funktionieren konnte? Der Abwärtstrend bei den Milchpreisen war doch schon in den letzten Jahren zu sehen, als die zu beliefernde Milchquote jährlich um circa ein Prozent erhöht wurde. „Sanften Quotenausstieg“ nannte man das. Und nun der steile Absturz. Und viele sind noch so blind, diesen Zusammenhang nicht zu sehen, schieben es auf das Russlandembargo und anderes. Und wenn ich den Bundeslandwirtschaftsminister und den Bauernverband höre, die diesen Zusammenhang leugnen, wird mir übel. Sehen sie nicht, dass an ihnen das Blut der Bauern klebt? Das Blut der Betrogenen und Verzweifelten. Das Herzblut einer ganzen Zunft, die lieber geopfert wird, als Lösungen zu schaffen, damit die bäuerliche Landwirtschaft überleben kann.

Wohlstandsüberfluss

Und die Gesellschaft? Ein Aufschrei? Anteilnahme? Wirkliches Interesse? Im Moment liest man in großen Tageszeitungen viel über das Thema. Hört es auch mal im Radio oder Fernsehen. Das freut mich und gibt mir Mut. Denn ganz viele Menschen haben doch schon den Bezug zur Landwirtschaft verloren, ertränkt in unserem Wohlstand, haben den Blick auf die verloren, die „unser täglich Brot“ erzeugen. Sehen sie oft nur noch als Tierquäler, Luftverpester, Bodenverunreiniger, Verkehrshindernisse oder was nicht noch alles. Sie haben den Blick dafür verloren, was Menschen leisten, die für unser Essen sorgen. Es ist doch alles da! So viel Überfluss! Kein Mangel! Seit Jahren und Jahrzehnten nicht mehr in Deutschland. Alles andere ist doch weit weg und betrifft uns nicht.

Welche Anerkennung bekomme ich dafür und für meine Arbeit? Ohne Sonn- und Feiertage. 365 Tage im Jahr – ohne gesetzlichen Urlaub, kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld, ohne Mindestlohn oder Tarifabschlüsse. Keine Anerkennung … wenig. Alles selbstverständlich …

Wir können ja mit billigen Lebensmitteln gut leben und unseren Wohlstand pflegen. Noch ein Urlaub, noch dieses und jenes kaufen. Was kümmert es mich. Ich kann (oder will) doch eh nichts ändern. Die Deutschen geben in Europa am meisten Geld für ihre Kücheneinrichtung aus, aber am wenigsten für ihre Lebensmittel. Hauptsache, nach außen kann ich punkten. Was ich mir selber zuführe, sieht eh keiner.

Ein Segen

Anerkennung? Ja, einmal bekam ich die. Letztes Jahr zum Erntedankfest. Wir waren zu Gast in einer anderen Kirchengemeinde. Dort wurde richtig gefeiert. Der Altar war schön geschmückt mit Erntekrone und Erntegaben. Der Pastor ließ alle Landwirte aufstehen, damit die übrigen Besucher sehen konnten, wer ihr „täglich Brot“ erzeugt. Es wurde ein Interview mit einem Landwirt geführt und in der Predigt ging es um die Landwirte und ihre Familien. Am Schluss wurden wir Landwirte gesegnet. Das hatte ich noch nie in dieser Form erlebt. Gestärkt und gesegnet – berührt und ermutigt. Davon zehre ich heute noch. Das hatte ich so am Erntedankfest in all den Jahren noch nicht erfahren. Echte Wertschätzung für uns Bauern. Denn zu schnell sind wir an diesem Tag dabei, ganz allgemein allen Arbeitern zu danken.

Durch die Krisenzeit, die wir jetzt als Milchbauern erleben, trägt mich nur mein Glaube. Ich weiß, dass Jesus mein Versorger ist, mein Trost in schwierigen Zeiten und dass er unsere Zukunft kennt und für unser Morgen sorgt. Auch wenn die Tore unseres Hofes Ende nächsten Jahres zugehen: Gott sieht mich! Und ER wird und will meine Traurigkeit verwandeln in Freude. Das sagt er mir in seinem Wort zu und diese Gewissheit wünsche ich allen Bauernfamilien. „Die auf den Herrn hoffen, bekommen neue Kraft, damit sie aufsteigen mit Flügeln wie Adler“ (Jesaja 40, 31).

 

 

Betriebsspiegel

70 Kühe und Nachzucht

21 ha Eigenland, 20 ha Pachtland

(viel Pachtfläche verloren in den letzten Jahren)

Acker: 13 ha Mais zu Futterzwecken,

Rest Grünland