Für eine alternative Züchtung

In aller Munde war und ist die Fusion von Bayer und Monsanto. Durch den Zusammenschluss entsteht ein Unternehmen, das die schon zuvor hohe Konzentration beider Partner beim Saatgut in einem Unternehmen vereint. Das ist problematisch, weil Abhängigkeiten von Landwirten überall auf der Welt zunehmen. Die Forderung, die Fusion abzulehnen, ist daher sehr verständlich. Aber nicht nur die Besitzverhältnisse, sondern auch die Art und Weise, wie die Züchtung erfolgt, haben große Auswirkungen auf den Erfolg von Bäuerinnen und Bauern, auf die Anbauverfahren und auf die ökologische und ernährungsphysiologische Wertigkeit der angebauten Sorten. Der Ökolandbau dehnt sich immer weiter aus. Bisher jedoch steckt die Züchtung nach ökologischen Kriterien noch in den Anfängen. Es ist dem Engagement weniger Menschen mit viel Idealismus und einem großen Durchhaltevermögen zu verdanken, dass es heute erste Getreide- und Gemüsesorten gibt, die unter ökologischen Bedingungen, ohne mineralischen Stickstoff und ohne Pestizidbehandlungen, gezüchtet wurden. Noch immer wird diese Arbeit, die Gentechnikfreiheit garantiert, nachbaufähige Sorten erzeugt und sich gegen Patentierung ausspricht, viel zu wenig gefördert. Dabei ist das Samenkorn der Anfang einer jeden neuen Pflanze, sind die Bäuerinnen und Bauern auf neues Saatgut, aber auch auf neue Entwicklungen angewiesen. Für die Gesellschaft bildet Saatgut als Allgemeingut die Grundlage der Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität.

In der Saatguthalle

Wir stehen auf dem Dottenfelderhof in der noch recht neuen, aber schon wieder zu kleinen Saatguthalle. Hier, wo jetzt im Frühjahr viele Regale leer sind, werden ab Sommer wieder die vielen Big Bags mit der neuen Ernte, dem neuen Saatgut bis zur kommenden Aussaat lagern. Ich treffe mich mit Dr. habil. Hartmut Spieß. Der Diplom-Agraringenieur leitet die Abteilung Forschung und Züchtung auf dem Dottenfelderhof. Schon seit 40 Jahren widmet man sich auf dem Hof der Züchtung. Die Gründe für eine alternative Züchtung sind vielfältig, kreisen aber um die Frage: „Wie gehen wir mit dem Saatgut um?“ In der konventionellen Landwirtschaft, aber auch auf vielen ökologischen Betrieben, gibt es einen häufigen Sortenwechsel. Angetrieben durch immer neue von den Saatgutkonzernen propagierte Sorten. Deren Züchtung ist an einer guten Düngerverträglichkeit und hohem Ertrag ausgerichtet. Auch der notwendige Pestizideinsatz wird nicht hinterfragt und findet standardmäßig statt. Sorten, die auf diese Weise gezüchtet wurden, können ökologisch vermehrt werden und dann auch auf Biobetrieben genutzt werden. Auch Sortenprüfungen erfolgen inzwischen unter Ökobedingungen. Dennoch unterscheiden sich gerade die ersten Züchtungs- und Selektionsschritte auch durch Dünger- und Pestizideinsatz grundlegend von denen einer konsequenten Ökozüchtung.

Unabhängigkeit

Die immer weiter voranschreitende Konzentration der Saatgutkonzerne, nicht vorherzusehende Entwicklungen beim Einsatz gentechnischer Methoden und die Notwendigkeit, einen eigenen Genpool zu erhalten, sind zentrale Gründe, die für den Aufbau einer alternativen, ökologischen Züchtung sowohl beim Getreide als auch beim Gemüse sprechen. „Wie lange gibt es noch gentechnikfreie Sorten?“, fragt Spieß nicht ohne Unbehagen.

Mehr Wert

Zwei Punkte umfassen für Hartmut Spieß die Anforderungen an ökologische, auf dem Dottenfelderhof eben zusätzlich unter anthroposophischen Gesichtspunkten gezüchtete, Sorten. Zum einen ist da die Ernährungsqualität. „Wir wollen Sorten züchten, die in der Lage sind, Mensch und Tier in rechter Weise zu ernähren“, so Spieß. Es gehe bei der Zukunft der Kulturpflanzen nicht allein um das Kriterium der Kalorien, sondern auch um ihren Einfluss auf Körper, Seele und Geist. Es ist unter anderem dieser ganzheitliche Ansatz, der die hier geleistete Züchtungsarbeit von der der großen Saatgutkonzerne trennt. Der zweite, nicht minder wichtige, Schwerpunkt bei der Betrachtung und Selektion liegt auf der Saatgutqualität. Besonders der Pilzbefall und seine Übertragung durch am Saatgut haftende Sporen bereiten ökologisch wirtschaftenden Betrieben, die auf chemisch-synthetische Beizmittel verzichten, Probleme. Ziel sind deshalb Getreidesorten, die zum Beispiel gegenüber Flug- und Steinbrand resistent sind. Auch sollten sie eine hohe Konkurrenzkraft gegenüber Unkräutern besitzen. Die Resistenz gegenüber durch Sporen übertragenen Krankheiten ist zudem ein Faktor, der bei der Nachbaufähigkeit eine Rolle spielt. Ohne Pilzresistenz steigt der Krankheitsdruck von Jahr zu Jahr, so dass in der Regel nach dem zweiten Jahr neues Saatgut eingesetzt werden muss.

Und die Kosten

Saatgut, einmal gekauft und dann auf dem eigenen Hof von Jahr zu Jahr weitergetragen – bisher ist dies, auch vor dem Hintergrund der eingeschränkten Pilzresistenz, nur eingeschränkt möglich. Für die wenigen, derzeit in der ökologischen Getreidezüchtung aktiven Züchter ist die Nachbaufähigkeit neben einem vorrangigen Zuchtziel auch eine potentielle Bedrohung, weil sie die Finanzierung ihrer Züchtungsarbeit durch den Neukauf von Saatgut weiter minimieren würde. Neben der Züchtung auf dem Dottenfelderhof von Hartmut Spieß gibt es aktuell noch das Regionalsortenprojekt am Keyserlingk-Institut, die Getreidezüchtung Darzau unter Leitung von Karl-Josef Müller und die Getreidezüchtung Peter Kunz in der Schweiz, die ökologische Getreidezüchtung betreiben und deren Sorten inzwischen verfügbar und anerkannt sind. Wenn der Bestellschein für die neue Saison zugestellt wird, ist meist nicht im Bewusstsein, wie viel Arbeit und wie viele Jahre sich hinter einem Sortennamen verbergen. Noch vor der ersten Kreuzung steht die Suche nach geeigneten Elternsorten. 80 jährliche Kreuzungen führen zu 4.000 Typen, die in den Folgejahren selektiert werden müssen. Am Ende der fortwährenden Beobachtung und Selektion können nach ca. 14 Jahren ein bis zwei neue Sorten stehen. Das sind 14 Jahre, in denen die kleinen Züchtungsinitiativen keine direkte Finanzierung ihrer Arbeit bekommen. Erst wenn die Sorte entwickelt und offiziell anerkannt ist, erfolgt ein Rückfluss. Vom Z-Saatgut erhält der Züchter zehn Euro pro dt. Fünf bis sieben Prozent des Budgets im Bereich Züchtung am Dottenfelderhof können aktuell durch den Rückfluss abgedeckt werden. Der Nachbau auf den Betrieben bereitet den Züchtern deshalb Probleme. Zum einen will man die Sorten der Allgemeinheit zugänglich machen, zum anderen ist man dadurch aber auf eine solidarische Unterstützung der Züchtungsarbeit angewiesen. Ca. 50 Prozent des Budgets aus Zuwendungen von Saatgutnutzern zu beziehen, formuliert Herbert Völkle von der Getreidezüchtung Peter Kunz als Ziel. „Nur eine finanzielle Absicherung des Risikos der Züchter ermöglicht eine über zehnjährige Neuzüchtung“, so Völkle

Im Falle von Nachbau unterliegen die Zahlungen der Freiwilligkeit und die Landwirte sind aufgefordert, diesen Betrag an den Saatgutfonds für die Züchtungsarbeit zu überweisen. „Wo nimmt man in zehn Jahren die Sorten her?“, ist die kritische Frage in Richtung der IG Nachbau.

Nach einer Schätzung verlieren die drei Züchtungsinitiativen durch Nachbau (zwei Jahre Nachbau, dann Neukauf) ca. 75.000 Euro pro Nachbaujahr – Geld, das in der Züchtungsarbeit dringend gebraucht würde.

Finanzierung

Überschlägt man den Betrag, der zusammenkommen könnte, wenn sich die Biobetriebe, vielmehr die ökologisch wirtschaftenden Bäuerinnen und Bauern, oder sogar die ganze Biobranche solidarisch hinter eine alternative Getreidezüchtung stellen würden, käme man dagegen zu ganz anderen Beträgen. Wenn von den ökologisch wirtschaftenden Bäuerinnen und Bauern pro Hektar Ackerfläche nur zwei Euro beigetragen würden, kämen bei 500.000 ha Acker eine Million Euro zusammen.

Ein Promille des Bio-Lebensmittelumsatzes (fast 10 Mrd.) vom Handel mobilisiert, wären weitere zehn Millionen. Diese Beträge wären tatsächlich auch notwendig, um mit vielen Menschen an vielen Orten an Biozüchtungsprojekten zu arbeiten.

Fünf bis zehn Millionen Euro pro Jahr wären notwendig, um eine alternative Züchtung aufbauen und langfristig betreiben zu können, so die Schätzungen. „Es gibt so viele Arten, die noch entwickelt, die in Züchtung oder Erhaltung genommen werden müssten“, findet Carl Vollenweider. Eindrücklich zu erleben ist dies gerade im Bereich der Körnerleguminosen, wo bedingt durch die geringe Nachfrage der vergangenen Jahrzehnte keine weitere züchterische Bearbeitung stattfand. Hier ist das Angebot an verfügbaren Sorten extrem eingeschränkt. Aber auch im Bereich des Gemüsebaus ist, aufgrund der Konzentration auf wenige global agierende Saatgutkonzerne, eine zunehmende Einengung des Sortenangebots auf wenige, derzeit am Markt gefragte Sorten zu erleben. Nur wenige Unternehmen und Züchter wie Kultursaat e. V., Bingenheimer Saatgut und Sativa stellen sich der Herausforderung, nachbaufähige Gemüsesorten unter ökologischen Bedingungen zu züchten.

Solidarische Saatgutzüchtung

Wenn man zu dem Schluss kommt, dass globale Agrarkonzerne mit Gentechnik, Patenten und einem ausgefeilten Sortenschutz, nicht zuletzt über Hybridisierungen, keine Lösungen für eine unabhängige Landwirtschaft mit ihrem Bedarf an nachbaufähigen, aber auch weiterentwickelten Sorten bieten, muss man eine Antwort auf die aktuell prekäre Finanzierung der ökologischen Saatgutzüchter finden. Vielleicht könnte das der Solidarischen Landwirtschaft zugrunde liegende Finanzierungsmodell herangezogen werden, wenn sich die Biobranche, vielleicht auch Verarbeiter und Handel, gemeinsam entschieden, Züchtung zu finanzieren. Weil es sich eben um eine Frage der Zukunft des Ökolandbaus handelt. Weil, wenn man nicht jetzt anfängt, die alternative Züchtung ausreichend zu finanzieren, man in 20 Jahren keine neuen Sorten zur Verfügung hat. Aktuell bietet der Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft die Möglichkeit einer unkomplizierten finanziellen Beteiligung. Für eine langfristig gesicherte freie Getreidezüchtung ist es höchste Zeit, ein von Bäuerinnen und Bauern und der Gesellschaft getragenes Finanzierungsmodell zu entwickeln.