Unter Kontrolle: Bäuerin und Bauer 4.0

Kommentar:

Die EU hat den Zusammenschluss von Bayer und Monsanto weitgehend genehmigt. Es ist ein neuer Höhepunkt in einer Konzentrationswelle der der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereiche. Es betrifft den Kernbereich unseres Lebens: Die Basis für die Erzeugung von Lebensmitteln. Der neue Konzern allein beherrscht 1/3 des Sattgutmarktes. Die größten drei Konzerne werden 61 Prozent des Sattgutmarktes und 71 Prozent des Marktes für Pestizide beherrschen.

Aber hinter diesen Konzentrationen stehen viel weitergehende Interessen. Der Einsatz von Pestiziden ist in der Bevölkerung immer weniger akzeptiert. Daher wird intensiv an einer digitalisierten Präzisionslandwirtschaft geforscht, die mit dem Einsatz von Feldrobotern und neuen gentechnischen Methoden in der Pflanzenzüchtung das gängige industrielle Anbausystem vielleicht etwas weniger belastend für die Umwelt machen, aber es auf jeden Fall erhalten will.

Auf dem Weg dahin haben die Agrarkonzerne im Zusammenwirken mit den wenigen verbliebenen Landtechnikkonzernen mittelständische Entwickler und Unternehmen der Digitalisierung im Agrarbereich weltweit aufgekauft. Diese neue geballte Marktmacht schadet der Demokratie, den Bäuerinnen und Bauern und der weltweiten Ernährungssicherung. Anbauwissen, Saatgut, Chemie, Boden- und Klimadaten für jeden Flecken – alles aus einer Hand. Kreative, vielfältige und angepasste Innovationen für die mittelständische wie auch bäuerliche Strukturen stehen, werden bei dieser Entwicklung ausgeschaltet. Diese Entwicklung steht nicht nur für Leere in der Feldmark sondern auch in den Köpfen. Die Abhängigkeit von Lösungsansätzen, Produkten und Preisdiktat steigt. Aber das zusammen mit dem Beschwören der Digitalisierung ersetzt keine Agrarwende.

Landwirtschaft ist seit vielen Jahren einer der am meisten digitalisiertesten Wirtschaftsbereiche. Der Einsatz von IT in der Landwirtschaft ist sowohl im Pflanzenbau als auch in der Tierhaltung längst gang und gäbe. Gute Lösungen mit Hilfe von Digitalisierung werden auch auf den Höfen von den Bäuerinnen und Bauern selbst entwickelt. Die Möglichkeiten der Sensorik und Datenverarbeitung rufen eine Vielzahl von Tüftlern und Start Ups auf den Plan. Neben Insellösungen im Kleinen eignen sich Technik, Daten und Verarbeitungssoftware auch zur Verknüpfung, um größere Dienstleistungspakete auf dem Markt zu verkaufen. Für Bäuerinnen und Bauern bleibt die Unabhängigkeit von Anbietern und die Verfügung über die Daten entscheidend.

Es ist frustrierend genug, wenn auf dem Hof plötzlich festgestellt wird, dass der neue Schlepper nicht startet und aus einer Konzernzentrale weltweit überwacht wird. Aber soll der Algorithmus auch für die perfekte Überwachung sorgen? Sobald einmal der vorgeschriebene Abstand beim Pflügen nicht eingehalten wurde, gibt es Sanktionen beim Cross Compliance, und überall dank Robotern und Satellitenauswertungen durchgesetztes Ordnungsrecht. Wird die Maschine der Bestimmer, die Entscheidung des Landwirts steuer- und manipulierbar? Das wäre das Gegenteil von frei. Wir bewegen uns hier im Bereich der scheinbaren Lösung alter ideologisch- politischer Debatten.

Natürlich erleichtern ein gutes Netz, digitale Akten und präzise Techniken vieles. Der zentrale betriebliche Erfolgsfaktor in der gesamten Geschichte der Landwirtschaft ist aber die Beobachtungsgabe und lokale Entscheidungsfähigkeit der Bäuerinnen und Bauern. Erfahrungswissen leitet den Umgang mit den Tieren, Entscheidungen auf dem Feld und im Bereich von Investitionen und Management. Im letzten Jahrhundert wurde dieses Erfahrungswissen durch empirische Studien und Wissenschaft ergänzt. Wissen aus Studien lässt sich jedoch nicht immer eins zu eins auf die individuellen Rahmenbedingungen eines Betriebes oder einer Region übertragen. Beobachtungswissen (tacid knowledge) in den Köpfen möglichst vieler Bäuerinnen und Bauern ist daher unverzichtbare Basis der nachhaltigen Sicherung der Ernährung. Mit der Digitalisierung und dem Smart bzw. Precision Farming werden nicht die grundsätzlichen Fehlentwicklungen in der Agrarpolitik und ihre Auswirkungen auf die Umwelt korrigiert, geschweige denn aufgehoben. Agrarwende geht anders.

11.04.2018
Von: Bernd Voß, MdL Schleswig-Holstein, AbLer im Agrarbündnis und Milchbauer

Bernd Voß, MdL Schleswig-Holstein, AbLer im Agrarbündnis und Milchbauer