Hof-, Schweine- und Vermarktungsglück

„Neuland war die Basis, um das Programm so auf die Beine zu stellen”, sagt Hans Schmeh über die 2015 entstandene Vermarktungspartnerschaft einer Gruppe von Bauern und Bäuerinnen mit dem Lebensmitteleinzelhändler (LEH) Edeka Südwest. „Hofglück" heißt die daraus hervorgegangene Premium-Fleischmarke, konzentriert sich auf Schweinefleisch und wird über das Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes (DTB) zertifiziert. Schmeh selbst hält Rinder in Baden-Württemberg und ist Mitglied im erweiterten Vorstand der „Erzeugergemeinschaft Süd für besonders art- und umweltgerechte Tierhaltung“, kurz EZO Süd.Hervorgegangen aus dem Neuland-Qualitätsfleischprogramm aus besonders artgerechter und umweltschonender Haltung fungiert die EZO Süd auch als Bündler für Edeka-Hofglücktiere.

Seit Ende 2014, als sie von 27 Neuland-Bauern der Vertriebsregion Süd gegründet wurde, kümmert sie sich um die Koordination der Bäuerinnen und Bauern und deren Tiere sowie um die Vermarktungswege und die Beratung. Aktuell sind 65 Betriebe beteiligt. Mitglied kann werden, wer dem Neuland-Programm angeschlossen, Biobauer oder ein Betrieb der Premiumstufe des Tierschutzlabels ist.

Angefangen, die „Hofglück"-Marke mit aufzubauen und dafür Schweine aufzuziehen, haben drei Neuland-Betriebe, zunächst mit rund 30 abgelieferten Schlachttieren pro Woche. Mittlerweile ist die Marke von Edeka Südwest Fleisch zu einer sehr wichtigen Vermarktungsschiene der EZO Süd geworden. Zur Zeit werden wöchentlich rund 650 Schweine abgenommen, von insgesamt 31 der heutigen EZO-Mitgliedsbetriebe, darunter auch Sauenhalter mit Ferkelaufzucht und Betriebe im geschlossenen System.

Tierhaltung und Vertragsgestaltung

Der Erzeugerpreis wurde ausgehend von den Kosten, inklusive Ferkelaufzucht, kalkuliert, um den Mehraufwand zu entlohnen: Strohbedarf, zusätzlicher Beobachtungs- und Tierbetreuungsaufwand, höhere Kosten für die Kastration unter Betäubung, höherer Preis für gentechnikfreies Futter und die Investitionskosten für den Neu- oder Umbau des Stalles. So beträgt der Basispreis pro Kilogramm Schlachtgewicht 2,15 Euro bei 57 Prozent Magerfleischanteil. Zusätzlich ist ein Preisabstand zum konventionellen Marktpreis vereinbart: Klettert dieser über 1,85 Euro/kg, liegt der Hofglück-Preis immer 40 Cent darüber. Die Mäster kaufen das 25-kg-Ferkel bei ihrem jeweiligen Partner-Sauenbetrieb für einen Festpreis von 75 Euro (netto und ohne Zuschläge, wie z. B. für Impfungen). Die Verträge schließen die Schweinehalter und -halterinnen mit der EZO Süd ab, welche wiederum einen Liefer- und Abnahmevertrag mit der Edeka Südwest hat.

Bis 2028 wird die Abnahme garantiert, d. h. es werden seit Beginn der Zusammenarbeit bis heute Zehn-Jahres-Verträge geschlossen. „Wir sind dabei, organisch zu wachsen“, so Schmeh. Edeka Südwest ist offen dafür, neue Höfe ins Programm aufzunehmen. „Eine stetige Weiterentwicklung ist geplant, für die Jahre 2019/2020 rechnen wir mit einer Verdoppelung der Menge“, so der LEHler. Hans Schmeh meint: „Edeka ist ein fairer Partner, der bereit ist, bei gestiegenen Anforderungen in der Erzeugung auch die Kostenseite zu betrachten. Aktuell sind wir z. B. im partnerschaftlichen Gespräch über den Wunsch, das gentechnikfreie Futter zukünftig aus Europa zu beziehen.“

Abläufe

Im Alltag kommen die Schweine in den Mitgliedsbetrieben der EZO Süd auf die Welt, bleiben im geschlossenen System oder werden zwischendurch von einem der Mäster übernommen. Dabei ist ein wesentlicher Baustein des Gesundheitsmanagements, dass ein Schweinemäster möglichst immer vom gleichen Ferkelerzeuger beliefert wird. Die EZO Süd koordiniert die Ferkelzahlen und die Schlachttermine dreimal die Woche. Ein von der EZO Süd beauftragtes Transportunternehmen liefert die Schweine an den Schlachthof in Ulm. Nachdem die Tiere dort im Auftrag von Edeka im Lohn geschlachtet wurden, übernimmt die weitere Organisation von Zerlegen, Verpacken und Verteilen komplett der LEH über das eigene Fleischwerk. Dort kümmert sich Edeka um die Vermarktung der ganzen Tiere. Unter der Marke „Hofglück" werden unterschiedliche Teilstücke und Produkte vom Schwein in der Bedientheke und im Selbstbedienungs-(SB-)Bereich verkauft. 2017 kamen diverse Wurstartikel dazu sowie zusätzlich saisonale Artikel wie Leberwurst oder marinierte Steaks.

Entwicklung

Alle für „Hofglück" liefernden EZO-Süd-Mitgliedsbetriebe können ihre Schweine komplett über diese Schiene vermarkten – zwei haben nebenher eine Direktvermarktung. Es werden stetig neue Betriebe aufgenommen. Eine Beraterin und ein Berater der EZO Süd stehen den Mitgliedsbetrieben zur Seite und begleiten neu hinzukommende Betriebe bei der Umstellung. Immer wieder melden sich Bauern und Bäuerinnen mit Interesse, viel läuft über Gespräche und Kontakte. „Die EZO Süd hat einen recht guten Ruf unter Kollegen“, weiß Schmeh, „und zum Glück sind die Betriebsstrukturen in Baden-Württemberg noch so, dass wir Höfe in den Größenordnungen haben, die ohne enorme Investitionsrisiken umstellen können. So bietet das Hofglück-Programm auch für klein- und mittelbäuerliche Höfe eine wirtschaftlich tragfähige Perspektive.“ Zuerst müssen die Betriebe die baulichen Vorgaben für Premium-Tierschutzlabel umsetzen. Nach dem Start der Erzeugung folgt die Erstzertifizierung für den Betrieb. Dann wird zweimal pro Jahr unangekündigt kontrolliert. Die Zertifizierung wird von unabhängigen Kontrollstellen durchgeführt und umfasst vier Prüfbereiche: die Richtlinien für das Tierschutzlabel Premiumstufe (siehe Kasten), die Standards für gentechnikfreie Fütterung des Verbands Lebensmittel ohne Gentechnik e. V. (VLOG), die Handelsanforderungen für Qualität und Sicherheit (QS) und die Kriterien für das Qualitätszeichen Baden-Württemberg.

Einfach mal anfangen

Parallel vermarktet die EZO Süd neben Biofleisch weiterhin über Metzger Neuland-Fleisch, vor allem für die Rinderhalter, aber auch für ein paar Schweinehalter. Die Erfolge, den Absatz über die Metzgervermarktung auszubauen, waren und sind überschaubar, weil immer nur einzelne Geschäfte hinzugewonnen werden können. „Dafür sind es insgesamt viele – wenn mal einer ausfällt, dann reißt das nicht so eine Lücke“, beschreibt Schmeh die Sicherheit durch Streuung der Abnehmer.

Das Interesse des großen Handelsunternehmens Edeka in der Region Südwest bietet dagegen die Chance für eine größere Ausdehnung der Vermarktung mit Möglichkeiten für neue Schweinebetriebe umzustellen und in die Erzeugung von Qualitätsfleisch einzusteigen. .Auch für Ferkelerzeuger aus dem Nachbarland Bayern hat die EZO Süd weiteres Vermarktungspotential im Premiumsegment. Für Hans Schmeh ist dabei klar: „Wir sind mit Neuland aus einem sehr ideellen Bereich gekommen. Der ist uns weiterhin wichtig. Aber im Gespräch mit dem Handel sitzen Kaufleute mit eigenen Schwerpunkten auf der anderen Seite.“ So sind die Realitäten in den größeren Strukturen z. T. vorgegeben und nicht in der Hand der Bäuerinnen und Bauern. Die großen Schlachthöfe betäuben Schweine heutzutage mit CO2. „Auch wenn wir in einzelnen Punkten anderer Auffassung sind, suchen wir stets die für unsere Tiere schonendste Lösung. Unter diesen Rahmenbedingungen müssen wir uns einfach auf den Weg für den Umbau der Tierhaltung machen. Unsere Bäuerinnen und Bauern versuchen es auf ihren Höfen so gut wie möglich umzusetzen. Viele weitere Aspekte von artgerechter Nutztierhaltung werden letztlich über die gesellschaftliche Diskussion geprägt. Da bewegt sich weiterhin vieles. Hier gilt es für uns Bäuerinnen und Bauern, wieder ins Agieren zu kommen und sich mit positiven Beispielen einzubringen, sowie die sich daraus eröffnenden Chancen zu nutzen.“

09.03.2018
Von: cw

Sonne, Stroh und ein neugieriger Blick; Foto: Weissenberg