Bayer unter Druck

Deutlich zäher als erwartet entpuppt sich die geplante Fusion von Bayer mit Monsanto – zumindest für Bayer. Das Unternehmen plante den Abschluss der Zusammenführung eigentlich für Ende 2017. Für knapp 59 Mrd. Euro will der Leverkusener Bayer-Konzern den US-Giganten Monsanto kaufen und sich damit weltweit an die Spitze der Saatgut- und Pestizidhersteller katapultieren. Sollte die EU-Kommission Anfang März 2018, so der derzeitige Zeitplan, die Fusion von Bayer und Monsanto genehmigen, kontrollieren zukünftig drei Agrarkonzerne mehr als 60 % des globalen, kommerziellen Saatgutmarktes und über 70 % des Pestizidmarktes. Hinzu kommen ihre starken Aktivitäten im Bereich der Digitalisierung.

Unternehmensabspaltungen wahrscheinlich

Es wäre ein Paradigmenwechsel der EU-Wettbewerbshüter, wenn die EU-Kommission die geplante Mega-Fusion tatsächlich ablehnt. Auch wenn sie selbst Grund genug dafür sieht. So haben die Wettbewerbshüter erhebliche Bedenken, ob nach der Fusion noch ein „wirksamer Wettbewerb“ sichergestellt sein kann.

Wahrscheinlicher ist, dass Bayer verschiedene Unternehmensbereiche abspalten muss, um die Zustim­mung der EU-Kommission zu bekommen. Das war auch bei den anderen beiden großen Fusionen – Dow-DuPont und ChemChina-Syngenta – so. Schon im Herbst machte Bayer Zugeständnisse und gab an, im Falle der Fusion verschiedene Sparten an die BASF zu verkaufen – zum Preis von 5,9 Mrd. Euro. Darin ist Bayers globales Totalher­bizid­geschäft mit Glufosinat-Ammonium und deren Marken (Liberty, Basta und Finale) enthalten, zudem einige Rapsgeschäfte, einige Sojamärkte in Nord- und Südameri­ka sowie das „globale Baumwollgeschäft“ (ausgenommen Indien und Südafrika). Wie weitgehend diese Spartenverkäufe sind – also ob tatsächlich der gesamte Bereich inklusive Forschung und Entwick­lung, aber auch Vertrieb, Patente etc. eingeschlossen sind, und ob dies den Wettbewerbsbehörden genügt, ist offen. Anfang Januar wurde bekannt, dass Bayer zudem Teile seiner Gemüsesparte sowie eine Tochtergesellschaft, die Agrar-Software vertreibt, ver­kaufen will. Dies meldete die „New York Post", die sich auf verschiedene, nicht näher genannte Quellen beruft. Offen ist auch, wann die Schmerzgrenze bei Bayer erreicht ist und wie viel sie bereit sind zu verkaufen, um die Fusion genehmigt zu bekommen.

Chancen?

Bei der Einschätzung der geplanten größten Fusion prallen Interessen aufeinander. Der Deutsche Bauernverband findet in der Fusion auch Positives: „Natürlich bietet so ein Zusammenschluss auch Chancen, dass hier die Ressourcen, die in Forschung und Innovation, in neue Sorten, in neue Wirkstoffe gesteckt werden, dass die gebündelt werden“, sagte jüngst DBV-Generalsekretär Krüsken im ZDF.

Risiken

Ganz anderer Meinung ist die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die als Drittpartei im Fusionsverfahren anerkannt ist. Als solche hat sie bereits im Sommer 2017 und erneut im Januar ihre Stellungnahme zum „Statement of objections“ der EU-Kommission abgegeben. Aus bäuerlicher Sicht sei ein „wirksamer Wettbewerb“ durch die geplante Fusion nicht mehr gegeben. Schon jetzt ist der Saatgutmarkt hochkonzentriert, der Zusammenschluss des Pestizidherstellers Bayer mit Monsanto führe zu einer extremen Machtkonzentration. Das Sortenangebot würde weiter ausgedünnt, Doppelungen ausgelistet und die Forcierung auf global marktfähige Sorten und profitable Eigenschaften noch weiter verschärft. Die Praxis hat in den USA gezeigt, dass die Saatgutpreise nach Fusionen in Folge des verminderten Wettbewerbs massiv steigen. Bei gleichbleibenden Ernteerträgen kam es in einem Zeitraum von 17 Jahren zu einer Preissteigerung von 320 % bei GV-Sojasaatgut, bei GV-Maissaatgut sogar um 400 %. Das Angebot an Alternativen – gentechnikfreie Mais- und Sojasorten – schrumpfte auf nahezu Null.

Auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sollen rationalisiert und effizienter gestaltet werden. Wenn aus sechs großen Konzernen drei werden, bedeutet das auch weniger Wettbewerb und Innovationen am Markt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Züchtungsziele der Saatgut- und Chemiegiganten auf Pestizid- und Düngereinsatz ausgerichtet sein werden. Zumindest in der Vergangenheit versprach dies hohe Renditen, die nicht zuletzt die Aktionäre erwarten. Dass es Lösungen für akute landwirtschaftliche Probleme wie den Ackerfuchsschwanz im Getreide von Bayer/Monsanto geben wird, sieht Helmut Schramm, Chef der Bayer-CropScience-Sparte nicht: „Bei den speziellen Problemen des Ackerfuchsschwanzes wird die Fusion von Bayer-Monsanto nicht helfen.“ Hinzu kommen Einschränkungen durch Patente. Kommt es zur Fusion, hat Bayer-Monsanto 25 % der erteilten Patente auf Pflanzen, alle drei Konzerne hielten 48 %. Patente und auch Cross-Lizenzen bilden hohe Markteintrittsbarrieren für andere – v. a. für kleinere und mittelständische Züchter.

Konzernmacht beschränken

„Wettbewerbsbehörden und die Politik haben dabei versagt, die Entstehung von konzentrierten Märkten und Konzerngiganten zu verhindern. Auch die Missbrauchskontrolle ist zu schwach“, so die Anfang Januar 2017 gestartete Initiative „Konzernmacht beschränken“. 26 Organisationen aus den Bereichen Landwirtschaft, Umwelt- und Verbraucherorganisationen, Eine-Welt-Organisationen, kritische Digitalisierungsorganisationen etc. Ihre Forderungen: Neben Wettbewerbsfragen müssen bei der Fusionskontrolle zukünftig auch gesellschaftliche Fragestellungen berücksichtigt werden (soziale Gerechtigkeit, Umwelt-, Verbraucher- und Datenschutz etc.). Viel stärker als bisher müssen „vertikale“ Fusionen bei der Fusionskontrolle berücksichtigt werden, also wenn die Fusionisten nicht nur im Saatgutbereich aktiv sind, sondern auch bei Pestiziden und Digitalisierung – diese sektorenübergreifende Marktbündelung muss verhindert oder entkoppelt werden. Wenn die Marktmacht eines Konzerns zu hoch ist, muss eine Entflechtung, also das Abspalten von (ganzheitlichen) Geschäftsfeldern des Konzerns, möglich sein. Die Schwelle, ab wann eine Marktbeherrschung als kritisch angesehen wird, sollte bei 20 % angesetzt werden – nicht wie heute bei 40 % (Deutsches Kartellrecht). Auch Prof. Dr. Tobias Lettl von der juristischen Fakultät für Handels- und Wirtschaftsrecht in Potsdam sieht die aktuell zunehmende Konzentration kritisch: „Die Fusionskontrolle greift nicht in hochkonzentrierten Märkten. Um etwa im IT-Sektor und im Pestizid- und Saatgutgeschäft den Wettbewerb wiederzubeleben, sollten als letztes Mittel staatliche Eingriffe möglich gemacht werden, um Konzernstrukturen zu entflechten“, so Lettl.

13.02.2018
Von: Annemarie Volling, Netzwerk Gentechnikfreie Regionen

AbL-Protest gegen die Unternehmensfusion